Juli-Tipp: „Wir haben in der Schule keine Zeit für die Zukunft“ - Drei Fragen zum Buch ,,Schule 2035“

Drei Fragen zum Buch „Schule 2035“

„Schule 2035 – Lernen nach Digitalisierung und KI“ – so heißt das neue Buch des Hamburger Erziehungswissenschaftlers Jöran Muuß-Merholz. Darin porträtiert er fünf Schulen im Jahr 2035, die pädagogisch und technisch unterschiedlicher kaum sein könnten. Technik spielt darin eine große Rolle, wenn zum Beispiel das Manfred-Spitzer-Lyzeum eine „digital-freie Zone“ aufrechterhalten will, oder wenn die Lisa-Rosa-Reformschule in großen Lernprojekten mit Akteuren im Stadtteil und mit Schulen auf anderen Kontinenten zusammenarbeitet, oder wenn die UnSchule versucht, alles andere der Lust am Lernen unterzuordnen. Nebenbei erfährt man in diesem Buch viel über die Funktionsweise von künstlicher Intelligenz, persönlichen Avataren, Überwachungssoftware und neuartigen Lehr-Lern-Systemen. Den Ausgangspunkt bilden aber immer die Pädagogiken, die Motive und die Werte der Menschen, die in diesen Schulen arbeiten. 

Bild: Beltz Verlag

Autor Jöran Muuß-Merholz hat drei Fragen zum Buch beantwortet.

Wer braucht heute ein Buch über Schule im Jahr 2035? Haben wir nicht genug mit der Gegenwart zu tun?

Ich hatte ein großes Aha-Erlebnis, als ich der Zukunftsforscherin Florence Gaub zugehört habe. Sie räumt mit einem großen Missverständnis auf: Wenn wir über Übermorgen nachdenken und uns Zukunftsbilder machen, dann ist das nicht so etwas wie eine „Investition“, die sich dann später mal auszahlen könnte. Zukunftsdenken ist lebensnotwendig für die Gegenwart! Denn unsere Bilder von der Zukunft bestimmen, wie wir heute handeln, wonach wir unsere Entscheidungen ausrichten, wie wir unsere Prioritäten setzen und Ressourcen verteilen. Florence Gaub erklärt, dass der alte Spruch „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen!“ falscher nicht sein könnte. Im Gegenteil: Wer kein positives Bild der eigenen Zukunft hat, den macht die Gegenwart krank.
Diese Perspektive hat mir gerade für die großen Fragen der Schule sehr geholfen. Denn in der Gegenwart höre ich bisweilen: „Wir sind vollkommen damit ausgelastet, den Laden heute am Laufen zu halten. Wir haben gar keine Zeit für die Zukunft!“ Das ist zwar einerseits angesichts der hohen Alltagsbelastung in der Praxis verständlich. Aber umgekehrt habe ich immer wieder gesehen: Menschen und Institutionen, die sich an klaren Zukunftsbildern orientieren, haben zwar auch nicht unbedingt weniger Stress – aber sie wissen, warum, wofür und wohin sie ihre Energie investieren.

Warum heißt das Buch im Untertitel „Lernen NACH Digitalisierung & KI“?

Ich gebe zu, dass das etwas missverständlich klingt. Ich meine damit nicht, dass der technologische Wandel nicht der Rede wert sei – im Gegenteil. Aber im Moment gehen alle Fragen von der Technologie aus. Wir sind total fokussiert auf Digitalisierung & KI. Das ist ein Stück weit unvermeidlich, weil wir die neuen Technologien gut kennenlernen müssen, um sie verstehen, gestalten und nutzen zu können. Aber der weite Zoom aus der Situation heraus ermöglicht den Perspektivwechsel. In den Schulen im Jahr 2035 wird sichtbar, auf welche pädagogischen Fragen die Technologien Teil der Antworten sind. Ich halte diese Überlegungen für unbedingt notwendig: Wir müssen die Digitalisierung & KI besser kennenlernen UND wir müssen ein „Big Picture“ haben, um die Technologien in diesem Bild einordnen zu können.

Und muss es dafür gleich ein ganzes Buch sein?

Das Buch ist ja nicht gerade ein Mammutwerk. Und es sind eigentlich drei Bücher in einem. Das Herzstück machen die Besuche bei fünf Schulen in der Zukunft aus. An jedem Ort lernen wir Menschen kennen, die uns herumführen und nicht nur die Pädagogik und Technik erklären, sondern auch die gesellschaftlichen Kontexte, die kontroversen Diskussionen um diese Schulen und die Motive der Menschen, die dort lernen und arbeiten. Außerdem gibt es noch einen Methodenteil mit zehn Ansätzen, wie man selbst Zukunftsdenken betreiben kann, und schließlich eine persönliche Einordnung von mir, warum ich Zukunftsdenken für unentbehrlich halte und wie ich für mich den vermeintlichen Widerspruch zwischen Pädagogik und Technik aufgelöst habe.

Schule 2035 – Einladung zum Zukunftsdenken

Das Buch Schule 2035 – Lernen nach Digitalisierung & KI von Jöran Muuß-Merholz ist im September 2025 im Beltz Verlag erschienen (ISBN:978-3-407-63348-4). Auf der Website www.schule2035.de gibt es eine XXL-Leseprobe und zusätzliche Materialien. 

Zum Autor

Jöran Muuß-Merholz ist Erziehungswissenschaftler, Autor und Vortragsredner, aktuell v.a. zu Zukunftsdenken, Zusammenarbeit und KI. Er lebt und arbeitet in Hamburg.

Marek Knopp, WKÖ