„Digitalexpert:innen“ – Ein Train-the-Trainer-Ansatz an der GS Anna-Susanna-Stieg 

Rubrik: Schaufenster In Schule

Bild: VD17

Hilfe beim Einsatz von iPads in der Grundschule – von Schüler:innen für Schüler:innen und unsere Kolleg:innen 

Im Jahr 2023 wurde unsere Grundschule Anna-Susanna-Stieg (ASS) im Stadtteil Schnelsen nach einem längeren Bewerbungsprozess als Schule für das Projekt „Voll digitalisierte Schule“ ausgewählt. Die ASS gehört mit rund 650 Kindern zu den größeren Hamburger Grundschulen mit einem Kollegium von rund 55 Lehrkräften. Im Zuge des Projektes erhielten alle rund 300 Schüler:innen der 3. und 4. Klassen jeweils ein iPad mit Tastatur für die persönliche Nutzung im Unterricht.  

Ausgangssituation: Ein Projekt mit Herausforderungen 

Im Schulalltag ist die Integration der iPads für Kolleg:innen, Schüler:innen und auch die Eltern eine manchmal herausfordernde Aufgabe. Mit der Nutzung betrat unsere Schule Neuland. Eine Erkenntnis aus dem Projekt heute: Es gibt hierfür nicht den einen richtigen Weg oder die perfekte Anleitung.

Eine Herausforderung bei der Einführung von IT und digitalem Arbeiten ist unserer Erfahrung nach die Qualifizierung und das Erlernen der dafür notwendigen Fertigkeiten. Zudem ist es wichtig aufzuzeigen, welche Möglichkeiten für das Lernen überhaupt bestehen. Dabei kann man nicht voraussetzen, dass alle Kolleg:innen, Schüler:innen und Eltern von sich aus umfassendes digitales Wissen mitbringen oder schnell erlernen können. Andernfalls besteht das Risiko von Frustration und am Ende wächst vielleicht sogar Desinteresse an der weiteren Nutzung.  
Ein Ziel des Projektes war somit, Grundwissen für den Umgang mit dem iPad möglichst schnell zu vermitteln. Dazu gehörte zum einen die Qualifizierung der Kolleg:innen. Diese fürchteten, einer Fragenflut zu den iPads und deren Funktionen nicht gerecht werden zu können. Ebenso war auch sicherzustellen, dass sie sich nicht allein gelassen fühlen mit dem neuen Unterrichtsmittel. Zum anderen erschien es aber auch wichtig, eine hohe Akzeptanz unter den Schüler:innen und Eltern durch Einbindung zu erzeugen.   

Ein Gastbeitrag von Josephin Becker (ehem. Betche)

Bild: Pixabay
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Die Entwicklung der „Digitalexpert:innen“

Lange habe ich mich als Projektleitung mit dem Gedanken beschäftigt, wie ich diese Sorgen und Ängste der Kolleg:innen, Kinder und auch der Eltern in der Projektarbeit berücksichtigen kann. Dabei hatte ich bei den Schüler:innen zu bedenken, dass wir in den beteiligten Jahrgängen mit Kindern im Alter von neun bis elf Jahren arbeiten, die noch eingeschränkte Erfahrungen mit Computern, Smartphones oder eben auch Tablets haben. Dies unterscheidet eine Grundschule erheblich von weiterführenden Schulen.  

Als Abteilungsleitung unserer Schule habe ich nach einer leicht umzusetzenden Idee und Lösung gesucht. Mir war bewusst, dass meine Kolleg:innen nicht von einem Tag auf den anderen den Umgang mit den iPads lernen können.

Zudem sollte das Projekt auch genutzt werden, um unsere Schüler:innen daran wachsen zu lassen und eine neue (technische) Herausforderung zu meistern. Hierbei entstand die Idee der „Digitalexpert:innen“.

Der Weg zu den Digitalexpert:innen  

Unter Digitalexpert:innen verstehen wir an der ASS geschulte Kinder, die sich in der Lage sehen, erlernte Fertigkeiten im täglichen Umgang an Mitschüler:innen weiterzugeben.  Grundsätzlich folgt die Ausbildung somit dem Prinzip „Train the Trainer“.  

Schritt 1: Kick-off-Veranstaltung

Dazu führe ich zu Beginn des neuen Schuljahres eine Kick-off-Veranstaltung mit allen Klassenleitungen und Schüler:innen der beteiligten Jahrgänge durch. Dort stelle ich unter anderem das Konzept der Digitalexpert:innen vor.   

Schritt 2: Auswahl der Schüler:innen

Pro Klasse werden von der Klassenleitung danach zwei Schüler:innen ausgewählt. Dabei gibt es keine unmittelbaren Anforderungen an die zukünftigen Digitalexpert:innen. Wir haben bei uns Schüler:innen gewählt, die ein allgemeines Interesse an der Materie gezeigt haben und die nicht schon in vielen anderen Funktionen tätig sind, um möglichst viele Kinder über den Unterricht hinaus einzubinden. Zudem haben wir auf Geschlechterdiversität geachtet. Insbesondere können somit auch Schüler:innen eine wichtige Rolle in der Unterrichtsarbeit einnehmen, denen es sonst mitunter in anderen fachlichen Bereichen ggf. schwer fällt.  

Schritt 3: Training

Diese Schüler:innen werden dann von mir als Projektleitung in gemeinsamen Digitalstunden am iPad zu unterschiedlichsten Themenbereichen einmal pro Monat ausgebildet. Dabei erfolgt die Ausbildung in einer 45-Minuten Einheit und unterscheidet sich in den Jahrgängen drei und vier, da im Jahrgang vier auf bereits vorhandenes Wissen aus dem Vorjahr aufgebaut werden kann. Die Lehrerschaft informiere ich über die unterrichteten Inhalte, so dass die Kolleg:innen stets wissen, auf welche Inhalte sie  zurückgreifen können. 

Weitere Unterstützung durch IT-Pause/Erkennbarkeit der Expert:innen

Ferner biete ich mit der Medienfachleitung in der großen Pause täglich eine IT-Pause an, in der alle Kolleg:innen und Schüler:innen Fragen zum Umgang mit den iPads stellen können.  
   
Die ausgebildeteten Schüler:innen erhielten ein „Expertenschild“, welches sie im Unterricht während der Arbeit an den iPads sichtbar tragen.  

Digitalexpert:innen unterstützen ihre Mitschüler:innen und zugleich die Lehrer:innen  

Es zeigte sich, dass die Schüler:innen immer seltener die Lehrkraft ansprachen, sondern für Fragen vermehrt ihre Digitalexpert:innen, also ihre Mitschüler:innen, kontaktieren. Die Fragen umfassen die allgemeine Nutzung des iPads, aber insbesondere auch die Nutzung einzelner Programme wie z.B.  Keynote für die Erstellung von Präsentationen. 

Für die Digitalexpert:innen ergibt sich so in der Klassengemeinschaft eine wichtige Rolle in der sie ihr erlerntes Wissen anwenden können und insbesondere ihre Selbstwirksamkeit erleben. Einige Digitalexpert:innen haben ihrer Klasse eine komplette Einführung in Keynote präsentiert.  

Als besonders positiv erlebten die Kinder, dass ihnen Wissen in „ihrer“ Sprache vermittelt wurde, was zu einer hohen Lernbereitschaft, aber auch einer spannenden Klassendynamik führte.  

Positiver Nebeneffekt bei der Elternschaft 

Die Einführung digitaler Arbeitsmittel begegnet in der Elternschaft auch berechtigten Sorgen, denen gerade im Grundschulbereich noch einmal besonders zu begegnen ist. Die Eltern der Digitalexpert:innen waren überrascht von den Fertigkeiten, die ihre Kinder im Umgang mit den iPads binnen kurzer Zeit erlenen konnten. Zugleich aber zeigten die Digitalexpter:innen, dass die Einführung auch altersgerecht und kindgerecht erfolgt und nahmen somit manche Befürchtungen der Eltern der weiteren Schüler:innen.   

Fazit 

Bild: IT-Pause an der ASS

Den Einsatz von Digitalexpert:innen erleben wir an unserem Standort als sehr gewinnbringend. Schüler:innen können andere Schüler:innen in digitalen Fragen anleiten und unterstützen in ihrer Rolle als Multiplikatoren die Lehrkräfte. Meiner Vision, in der die Schüler:innen sich untereinander helfen und die lehrende Rolle nicht ausschließlich bei der Lehrkraft liegt, konnte sich mit Hilfe der Digitalexpert:innen angenähert werden.  

Zukünftig soll die erwähnte IT-Pause auch mit Digitalexpert:innen besetzt sein, um diese auch insoweit einzubinden.   

Mir als Projektleitung gibt die Arbeit mit den Digitalexpert:innen zudem wichtiges Feedback, welche Fortbildungen noch wichtig sein könnten oder wo ich nachsteuern muss. Dies ist besonders wichtig, um die nötigen Erfahrungen im Projekt „Voll digitalisierte Schule“ zu sammeln.  

Josephin Becker (ehem. Betche) ist Abteilungsleitung an der Grundschule Anna-Susanna-Stieg (ASS). Für Schulen, die sich zum Thema „Digitalexpert:innen“ austauschen möchten, steht sie gerne zur Verfügung und freut sich über Austausch! 
Schreibe ihr dazu hier eine Mail: josephin.betche@bsb.hamburg.de.

Du möchtest mehr über das Lernen an dieser Schule und den Einsatz digitaler Medien dort erfahren? Hier gibt es auch noch eine Podcast-Episode darüber.

In unserem “Schaufenster in Schule” stellen wir euch regelmäßig gelungene Beispiele der digitalen Schul- und Unterrichtsentwicklung aus Hamburger Schulen vor. Frei nach dem Motto: “Stöbern, Entdecken, Ausprobieren und Vernetzen!”, wollen wir euch dazu anregen, voneinander zu lernen und eure Schulen gemeinsam digital zu entwickeln.