Bild: KI-generiert mit ChatGPT
Ein Gastbeitrag von Jana Pikora, Sonderpädagogin und Englischlehrerin, Fortbildnerin und
Expertin für den Transfer internationaler Bildungsansätze in die deutsche Schulpraxis.
Wie lässt sich Unterricht so gestalten, dass möglichst alle Schüler:innen Zugang zum Lernen finden? Jana Pikora zeigt, wie Universal Design for Learning (UDL) dabei hilft, Barrieren von Anfang an mitzudenken und mit konkreten „Rampen“ unterschiedliche Lernwege zu ermöglichen.
Vor mehr als zwei Jahrzehnten änderten sich die U-Bahn-Ansagen im Hamburger Nahverkehr. Plötzlich wurde nicht mehr nur angesagt, was die nächste Station sei, sondern auch, auf welcher Seite man aussteigen könne. „Ausstieg links“, hieß es. Ich fand das praktisch: So konnte man sich mit seinen Siebensachen gleich auf die richtige Seite stellen. Eine Bekannte von mir äußerte sich allerdings genervt: „Das ist so pseudo-korrekt, für die drei Blinden, die U-Bahn fahren, und wir müssen das jetzt immer hören!“ Mir fehlten die Worte.
Heute könnte ich antworten: „Ja, und wenn es nur für eine Person wäre, die die Ausstiegsrichtung nicht erkennen kann – dann ist es Grund genug, dass es angesagt wird. Das ist nämlich Universal Design! Und im Übrigen profitieren auch andere Menschen davon. Zum Beispiel Menschen, die Vorhersehbarkeit brauchen, weil sie sich sonst unsicher fühlen. Oder ich, wenn ich drei Koffer dabeihabe und mich schon einmal richtig aufstellen möchte.“
Universal Design bedeutet, dass Zugänge von Anfang an so gestaltet werden, dass möglichst viele Menschen sie nutzen können. Die Rampe ist dafür ein schönes Bild: Sie wird vielleicht mit Blick auf eine bestimmte Barriere eingebaut – und hilft dann auch vielen anderen. Das kann ein abgesenkter Bordstein sein, über den ich mein Fahrrad schieben kann, oder ein Fahrstuhl, den ich nutze, obwohl ich auch Treppen steigen könnte. In der Architektur werden mögliche Barrieren also von Anfang an mitgedacht und entsprechende Zugänge gleich eingeplant. Davon profitiert die ganze Gemeinschaft.
Universal Design for Learning (UDL) überträgt diesen Gedanken auf das Lernen. Die UDL-Matrix hilft mir dabei, meinen Unterricht aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ob ich eine ganze Unterrichtseinheit, eine einzelne Stunde oder nur eine Phase plane: UDL beginnt nicht bei der Frage „Was braucht dieses Kind?“, sondern bei der Frage: „Wo könnten in meiner Planung Barrieren entstehen?“
Die aktuellen Universal-Design-for-Learning-Guidelines von CAST unterscheiden drei miteinander verbundene Bereiche: Engagement, Repräsentation sowie Aktion und Ausdruck. Vereinfacht gefragt: Wie können Schüler:innen Zugang zum Lernen finden? Wie können Informationen auf unterschiedliche Weise zugänglich werden? Und welche unterschiedlichen Möglichkeiten gibt es, zu handeln, zu lernen und das eigene Wissen zu zeigen?
Wie sieht das konkret im Unterricht aus?
Nehmen wir als Beispiel das Thema Industrialisierung. Die Aufgabe für die Lerngruppe lautet: „Erkläre, inwiefern die Industrialisierung die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen verändert hat. Nutze dabei mindestens zwei Beispiele.“ Stellen wir uns dazu eine Lerngruppe vor, in der beispielsweise auch Schüler:innen mit ADHS lernen.
| UDL-Bereich | Wo könnte eine Barriere liegen? | Was könnte ich als „Rampe“ einbauen? | Wer könnte davon profitieren? |
|---|---|---|---|
| Engagement Wie können Schüler:innen Zugang zum Lernen finden? | Die Aufgabe ist sehr abstrakt. Der Begriff „Lebens- und Arbeitsbedingungen“ hat für viele Schüler:innen zunächst wenig Bedeutung. | Anknüpfung an den Alltag: „Stell dir vor, es gäbe keine Waschmaschine. Wie würdest du die Wäsche deiner Familie waschen?“ Anschließend: „Was hat die Waschmaschine verändert?“ | Schüler:innnen, die einen konkreten Lebensweltbezug brauchen, wenig Vorwissen mitbringen oder leichter von eigenen Erfahrungen ausgehen können. |
| Repräsentation Wie können Informationen auf unterschiedliche Weise zugänglich werden? | Der Begriff „Industrialisierung“ und der Zusammenhang zwischen technischer Entwicklung und Veränderungen des Alltags bleiben abstrakt. | Vom Konkreten zum Abstrakten:Waschbrett → Waschmaschine → weniger Handarbeit → veränderte Arbeitsabläufe und Zeitaufwand. Der Zusammenhang wird visualisiert und anschließend auf historische Beispiele der Industrialisierung übertragen. | Schüler:innen mit wenig Vorwissen, Lernende, die abstrakte Zusammenhänge leichter über konkrete Beispiele erschließen sowie sprachlich weniger sichere Schüler:innen. |
| Aktion und Ausdruck Welche unterschiedlichen Möglichkeiten gibt es, zu handeln, zu lernen und das eigene Wissen zu zeigen? | „Erkläre, inwiefern …“ verlangt eine komplexe sprachliche Leistung. Der Zusammenhang kann verstanden worden sein, ohne dass die passende Formulierung gelingt. Auch der Einstieg in eine komplexe Aufgabe kann eine Barriere darstellen: Wo beginne ich? Was ist mein erster Schritt? | Denk- und Sprachgerüste anbieten:„Früher … / Durch die neue Technik … / Dadurch veränderte sich …“ Alternativ können Schüler:innen zunächst einen Zusammenhang mit Bildkarten legen und anschließend erklären. Auch sichtbar gemachte Arbeitsschritte können helfen: „1. Wähle ein Beispiel. 2. Beschreibe die Veränderung. 3. Erkläre ihre Bedeutung.“ | Schüler:innen, denen offene Aufgaben, das Formulieren von Zusammenhängen oder der Einstieg in komplexe Aufgaben schwerfallen, beispielsweise Lernende mit ADHS – aber auch alle, die von einem sichtbaren Denkweg profitieren. |
Die UDL-Matrix verändert damit meinen Blick auf die Planung: Ich schaue nicht erst auf einzelne Schüler:innen und überlege anschließend, für wen ich noch etwas ergänzen muss. Stattdessen betrachte ich zunächst die Lernumgebung und den Lernweg: Wo könnte es schwierig werden, Zugang zu finden, dranzubleiben oder das eigene Wissen zu zeigen? Fehlt möglicherweise Vorwissen? Und welche Rampen könnten helfen? Diese Rampen werden nicht erst spontan „gebaut“, wenn ich merke, dass jemand auf Schwierigkeiten stößt: Der Übergang ist zu abrupt, der Text zu lang, der Hörauftrag zu schnell vorbei oder die Aufgabe lässt nur einen einzigen Weg zu, um zu zeigen, was man verstanden hat. Ich plane unterschiedliche Zugänge von Anfang an mit ein. So entstehen keine zusätzlichen Sonderlösungen für einzelne Schüler:innen, sondern ein Unterricht, der grundsätzlich verschiedene Lernwege eröffnet.
Als ich begann, mit dieser Matrix auf meinen inklusiven Unterricht zu schauen, bemerkte ich, dass nicht nur die Schüler:innen, für die ich diese „Rampen“ ursprünglich geplant hatte, davon profitierten. Die Rampe blieb nicht bei der Person, für die ich sie zunächst gedacht hatte. Sie wurde Teil der Lernumgebung – und konnte von vielen genutzt werden.
Eine anschlussfähige Idee findet sich auch in James Clears Atomic Habits: Wenn wir ein bestimmtes Verhalten wahrscheinlicher machen wollen, sollten wir es möglichst leicht zugänglich machen. Clear beschreibt, wie wir unsere Umgebung so gestalten können, dass der gewünschte Weg zum leichteren Weg wird: das Sportzeug am Vorabend bereitlegen, sich mit einem Sportbuddy verabreden, also die Hürde für den ersten Schritt möglichst klein machen.
Auch das lässt sich auf den Unterricht übertragen. Die Lernumgebung kann den nächsten Lernschritt leichter oder schwerer machen. Wenn Schüler:innen selbstständig mit Materialien arbeiten sollen, kann ich ihnen erklären, wo diese liegen. Ich kann sie aber auch so bereitstellen, dass sie unmittelbar auffindbar und übersichtlich angeordnet sind. Wenn sie einen Arbeitsauftrag selbstständig beginnen sollen, kann ich nicht nur erklären, was zu tun ist, sondern auch den ersten Schritt sichtbar machen. Für Lernende mit ADHS kann genau das eine wichtige Unterstützung sein – und zugleich hilft die klare Struktur vielen anderen. Die Umgebung wird damit zur Mitspielerin des Lernens. Was zugänglich, übersichtlich und gut vorbereitet ist, muss nicht jedes Mal mühsam überwunden werden.
Die Idee ist nicht neu – doch im Unterrichtsalltag längst nicht selbstverständlich. Denn immer wieder kommt die Frage auf: „Ich habe doch 30 Schüler:innen, ich kann doch nicht alle Energie in den einen Schüler mit dem Problem stecken!“ Oder, milder ausgedrückt: „Ach, ich brauche noch etwas für die eine Schülerin, die nicht lesen kann!“ – und das erst am Ende der Unterrichtsvorbereitung. Durch die Planung mit der UDL-Matrix würde ich diese Schülerin nicht ans Ende meiner Planung stellen, sondern an ihren Anfang. Nicht im Sinne einer Sonderbehandlung, sondern als Anlass, meinen Unterricht auf mögliche Barrieren hin zu überprüfen und ihn für alle zugänglicher zu gestalten.
Denn auch andere profitieren vielleicht von der Ansage in der U-Bahn, einer Bildbeschreibung, einem Hörauftrag, den man mehrfach abspielen kann, oder einem Arbeitsauftrag, bei dem der erste Schritt bereits sichtbar ist. In der U-Bahn hören wir die Ansage bis heute. Inzwischen wundert sich kaum noch jemand darüber. Und wer sie nicht braucht, überhört sie. Wir können uns an Rampen gewöhnen, auch wenn wir nicht über sie gehen. Doch die eine Person, die sie braucht – sie ist es wert, dass es sie gibt.
UDL in der Praxis: Materialien und weiterführende Links
Du möchtest dich intensiver mit UDL beschäftigen oder das Konzept direkt in deinem Unterricht umsetzen? Die folgenden Angebote unterstützen dich dabei:
- CAST UDL Guidelines 3.0: aktuelle deutsche Fassung der UDL-Matrix
- „Diklusive Praxis“ von Lea Schulz: mit einem eigenen Bereich zu UDL mit konkreten Unterrichtsmaterialien
- IRIS Center / Vanderbilt University: deutschsprachiges Selbstlernmodul zu UDL mit konkreten Abschnitten zu Barrieren, Zielen, Methoden, Materialien und Unterrichtsplanung
- Universität Hamburg, Projekt UD[L]ehre: wachsender deutschsprachiger Ideen- und Informationspool mit Reflexionsfragen und konkreten Umsetzungsideen zu UDL (TaskCard + Video)
Quelle: https://lecture2go.uni-hamburg.de/l2go/-/get/v/65304

