Neuroinklusion: Schule für alle Köpfe

Bild: KI-generiert mit ChatGPT

Kein Gehirn lernt wie ein anderes – unser Unterricht ist aber häufig noch auf ähnliche Lernwege, Arbeitsweisen und Verhaltensweisen ausgerichtet. Neuroinklusion setzt genau hier an: Wie können wir Schule so gestalten, dass unterschiedliche Arten zu denken, wahrzunehmen und zu lernen von Anfang an mitgedacht werden? In diesem Beitrag erfährst du, wie du Barrieren im Unterricht abbauen, unterschiedliche Lernwege ermöglichen und die Potenziale deiner Schüler:innen sichtbar machen kannst.

Nicht das Kind passend machen, sondern die Schule passend gestalten

Ein:e Schüler:in schaut immer wieder aus dem Fenster, lässt sich von Geräuschen ablenken und beginnt nur sehr zögerlich mit den Aufgaben. Wie schauen wir auf dieses Verhalten? Eine mögliche Perspektive lautet: Das Kind hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Eine andere fragt: Unter welchen Bedingungen kann dieses Kind gut lernen – und welche Barrieren stehen dem gerade im Weg?

Dieser Perspektivwechsel steht im Zentrum einer neuroinklusiven Schule. Prof. Dr. André Frank Zimpel, Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg und wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Neurodiversitätsforschung (ZNDF), plädiert dafür, bei neurologischen Besonderheiten nicht bei einer reinen Defizitsicht stehenzubleiben (siehe Zimpels Interview mit dem Deutschen Schulportal). Das bedeute nicht, Schwierigkeiten kleinzureden oder Neurodivergenz zur „Superkraft“ zu verklären. Es gehe vielmehr darum, zusätzlich die vorhandenen Potenziale der Schüler:innen zu finden und nach den Bedingungen zu fragen, unter denen diese sichtbar werden können.

Ein anschauliches Beispiel ist die Linkshändigkeit: Lange hat Rechtshändigkeit als Norm gegolten und linkshändige Kinder mussten sich anpassen. Die erzwungene Umerziehung konnte mit erheblichen Belastungen und Lernschwierigkeiten einhergehen. Heute berücksichtigen wir diese unterschiedliche Voraussetzung ganz selbstverständlich.

Übertragen auf die Schule bedeutet das, nicht nur zu fragen, warum ein:e Schüler:in vom erwarteten Verhalten abweicht, sondern auch, was dieses Verhalten über die Person und ihre Lernumgebung verrät. Denn wer primär Defizite betrachtet, interpretiert Verhalten schneller als Störung, statt darin Hinweise auf individuelle Bedürfnisse zu erkennen. Eine potenzialorientierte Perspektive dreht das um, indem zuerst an vorhandene Ressourcen angeknüpft wird. Zimpel bringt diesen Perspektivwechsel auf den Punkt:

Defizitlogik beschreibt Grenzen. Potenzialorientierung beschreibt Lernwege.

Dazu passt auch ein zentraler Gedanke aus John Hatties Visible Learning: Um Lernprozesse zu verstehen und wirksam zu gestalten, ist demnach die Innensicht der Lernenden entscheidend. Unterricht wirkt dort am stärksten, wo der Lernprozess des Kindes verstanden wird. Für neuroinklusiven Unterricht heißt das: Nicht nur das Verhalten eines Kindes betrachten, sondern danach fragen, wie es seine Lernumgebung erlebt und was es braucht, um teilhaben und lernen zu können.

Neurodiversität aus zwei Perspektiven betrachtet

Neurodiversität bezeichnet die neurologische Vielfalt von Menschen. Gehirne unterscheiden sich – und damit auch die Art und Weise, wie Menschen wahrnehmen, Informationen verarbeiten, lernen, kommunizieren oder ihre Aufmerksamkeit steuern. Als neurodivergent werden Menschen bezeichnet, deren neurologische Entwicklung oder Informationsverarbeitung von dem abweicht, was gesellschaftlich als neurotypisch gilt. Dazu zählen beispielsweise Autismus, ADHS, Tourette, Dyslexie oder Dyskalkulie. Schätzungen zufolge betrifft dies etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung.

Für die schulische Praxis ist dabei entscheidend, nicht nur die individuellen Voraussetzungen der Lernenden, sondern auch ihre Lernumgebung in den Blick zu nehmen. Während das medizinische Modell vor allem nach individuellen Beeinträchtigungen und Unterstützungsbedarfen fragt, nimmt das soziale Modell zusätzlich die Umwelt in den Blick: Welche Barrieren erschweren Teilhabe und was können wir an der Umgebung verändern? Aus „Der Jugendliche hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren“ wird so beispielsweise die zusätzliche Frage: „Ist die Lernumgebung vielleicht zu laut, reizintensiv oder unstrukturiert?“ Dabei geht es nicht um ein Entweder-oder: ADHS, Autismus oder Dyslexie verschwinden nicht durch eine veränderte Umgebung und individuelle Unterstützungsbedarfe bleiben real. Aber nicht jede Schwierigkeit liegt ausschließlich in der Person, manche entsteht oder verstärkt sich durch die Bedingungen, unter denen Lernen stattfindet.

Wenn du dich genauer über unterschiedliche Formen von Neurodivergenz, ihre Bedeutung für Schule und Unterricht sowie mögliche Unterstützungsmaßnahmen und Nachteilsausgleiche informieren möchtest, findest du im Leitfaden des Friedrich Verlags einen kompakten Überblick. Wichtig ist dabei: Zwei Schüler:innen mit derselben Diagnose können völlig unterschiedliche Stärken, Schwierigkeiten und Bedürfnisse haben. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht allein „Welche Diagnose hat dieses Kind?“, sondern: „Was braucht dieser konkrete Mensch, um lernen und teilhaben zu können?“

Inklusion bedeutet mehr als Anwesenheit

Diese Teilhabe ist nicht nur ein pädagogisches Ziel. Mit der UN-Behindertenrechtskonvention hat sich Deutschland 2009 zur Umsetzung eines inklusiven Bildungssystems verpflichtet. Doch ein Platz in einer Regelschule allein bedeutet noch keine gelungene Inklusion.

Das zeigt auch eine 2026 veröffentlichte Dissertation von Isabella Sasso. In Interviews mit 20 autistischen Schüler:innen mit Erfahrungen schulischer Abwesenheit ist deutlich geworden, wie schulische Bedingungen zu emotionaler Belastung und einem Verlust von Selbstwirksamkeit beitragen können. Wenn von Schüler:innen vor allem erwartet wird, dass sie sich an die Lernumgebung anpassen, kann Teilhabe trotz formaler Inklusion scheitern.

Inklusion gelingt also nicht dadurch, dass alle Schüler:innen im selben Raum sitzen. Sie gelingt, wenn alle tatsächlich am Lernen und am schulischen Leben teilhaben können. Wie du die Voraussetzungen dafür in deinem Unterricht schaffen kannst, zeigen dir die folgenden praktischen Impulse.

Neuroinklusive Lernräume gestalten

Eine neuroinklusive Lernumgebung entsteht nicht durch die eine Methode oder die perfekte Checkliste. Drei Grundgedanken können dir aber helfen: Barrieren abbauen, Potenziale nutzen und Vielfalt von Anfang an mitdenken.

Barrieren identifizieren und abbauen

Der erste Schritt: Schau nicht nur auf deine Schüler:innen, sondern auch auf ihre Lernumgebung. Sind Arbeitsaufträge verständlich und Abläufe klar strukturiert? Erschweren Lärm oder andere Reize die Konzentration? Gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, Aufgaben zu bearbeiten und Lernergebnisse zu präsentieren? Schon bei der Unterrichtsplanung kannst du so vermeidbare Lernbarrieren erkennen und abbauen.

Digitale Medien können dabei zusätzliche Zugänge eröffnen, sofern sie gezielt eingesetzt und barrierearm gestaltet werden. Beispielsweise lassen sich Inhalte als Text, Audio oder Visualisierung anbieten, Darstellungen individuell anpassen und Erklärungen im eigenen Tempo wiederholen. Solche multimodalen Lernangebote entsprechen auch den Prinzipien des Universal Design for Learning (UDL) (mehr dazu siehe weiter unten im Beitrag).

Genau beim systematischen Blick auf Barrieren setzt das BMBF-Projekt „schAUT“ an, bei dem es um die barrierensensible Gestaltung inklusiver Schulen geht. Im Verbund von Goethe-Universität Frankfurt, Humboldt-Universität zu Berlin und White Unicorn sind Barrieren untersucht worden, denen insbesondere autistische Schüler:innen im Schulalltag begegnen. Im Projekt sind frei verfügbare Materialien entstanden, darunter eine Handreichung zur barrieresensiblen Schulgestaltung, ein Selbsteinschätzungsraster für Schulen, ein Fragebogen zur Wahrnehmung von Barrieren aus Sicht der Schüler:innen sowie digitale Fortbildungsmodule zur eigenständigen oder begleiteten Schulentwicklung:

Davon profitieren nicht nur Schüler:innen mit einer bestimmten Diagnose: Klare Arbeitsaufträge beispielsweise helfen Kindern mit ADHS ebenso wie Lernenden, die Deutsch als Zweitsprache erwerben oder aus anderen Gründen gerade zusätzliche Orientierung benötigen.

Individuelle Potenziale erkennen und nutzen

Neuroinklusion bedeutet aber mehr, als Schwierigkeiten zu vermeiden. Wenn wir ausschließlich überlegen, wie wir Defizite kompensieren können, bleibt ein entscheidender Teil unsichtbar: das, was deine Schüler:innen bereits mitbringen. Vielleicht kann ein:e Schüler:in lange Vorträge nur schwer verfolgen, vertieft sich aber außergewöhnlich intensiv in ein Interessengebiet. Oder vielleicht ist Gruppenarbeit anstrengend, eigenständiges Problemlösen dagegen eine Stärke. Die entscheidende Frage lautet dann nicht: „Was kann dieses Kind aufgrund seiner Neurodivergenz nicht?“, sondern: „Was kann dieses Kind – und unter welchen Bedingungen kann es das zeigen?“

Konkrete Impulse findest du auf dem MINT-Campus: Er bietet drei praxisnahe digitale Fortbildungsangebote, Materialien und Checklisten, die dich dabei unterstützen, neuroinklusive Lernumgebungen zu gestalten:

Dabei gilt immer: Potenziale sind individuell. Es hilft niemandem, eine Defizitperspektive einfach durch neue Zuschreibungen wie „Autistische Menschen sind besonders logisch“ oder „ADHS macht kreativ“ zu ersetzen. Entscheidend ist die einzelne Person – mit ihren individuellen Stärken ebenso wie mit ihren Schwierigkeiten.

Vielfalt von Anfang an mitdenken

Was wäre, wenn wir unterschiedliche Lernvoraussetzungen gar nicht erst als Ausnahme behandeln?

Genau hier setzt Universal Design for Learning (UDL) an. Statt Unterricht für eine vermeintliche Mitte zu planen und anschließend individuelle Anpassungen vorzunehmen, wird Vielfalt bereits bei der Unterrichtsplanung berücksichtigt. Lernende erhalten unterschiedliche Möglichkeiten, sich Inhalte zu erschließen, sie zu bearbeiten und zu zeigen, was sie gelernt haben. Gemeinsame Lernziele können dabei auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden. Wie das konkret aussehen kann, zeigt unser Gastbeitrag „Was die U-Bahn uns über inklusiven Unterricht lehrt: Universal Design for Learning“ von Jana Pikora anhand konkreter Unterrichtsbeispiele und mit vielfältigen Materialtipps.

Fazit: Neuroinklusion als guter Unterricht für alle

Neuroinklusiver Unterricht ist kein Spezialunterricht für wenige. Wenn wir Barrieren abbauen, unterschiedliche Lernwege ermöglichen und Stärken fördern, profitieren davon alle Schüler:innen. Es geht also nicht darum, für jedes Kind einen eigenen Unterricht zu entwickeln, sondern Vielfalt von Anfang an mitzudenken. Das entspricht auch einer zeitgemäßen Lernkultur, wie sie in unserem Beitrag „Vom Unterricht zur Lernkultur: 21st Century Learning Design“ beschrieben wird: mit Raum für unterschiedliche Lernwege, Selbstwirksamkeit und einer Lernumgebung, die sich an den Lernenden orientiert.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, bei deiner nächsten Unterrichtsplanung eine Frage mitzunehmen: Nicht: Wie bekomme ich alle Schüler:innen passend für meinen Unterricht? Sondern die Umkehrung: Wie gestalte ich meinen Unterricht so, dass unterschiedliche Schüler:innen darin gut lernen können?