Bild: Diagramm zum 4D-Framework @ Center for Curriculum Redesign (CCR)
Was, warum und wie? Lernen im digitalen Wandel
Wissen allein reicht nicht aus, um Schüler:innen auf eine Welt vorzubereiten, die sich durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz immer schneller verändert. Doch welche Kompetenzen brauchen sie zusätzlich? Was motiviert sie, auch in einer von stetigem Wandel geprägten Welt weiterzulernen? Und wie müssen Lernumgebungen dafür gestaltet sein? Das Center for Curriculum Redesign (CCR) gibt mit seinem 4D-Framework Antworten auf die Fragen nach dem Was und Warum – und bietet damit zugleich einen Ausgangspunkt, um über das Wie des Lernens nachzudenken.
Vom Wissen und den 4K zu den vier Dimensionen der 4D-Bildung
Was sollten Schüler:innen heute lernen, um auf eine zunehmend von Digitalisierung und KI geprägte Welt vorbereitet zu sein?
Während Bildung im 20. Jahrhundert stark auf Wissensvermittlung ausgerichtet war, sind im 21. Jahrhundert zunehmend überfachliche Kompetenzen in den Mittelpunkt gerückt. Besonders bekannt ist das 4K-Modell (Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation und Kollaboration). Mit seinem Konzept einer vierdimensionalen Bildung (4D Education) erweitert das CCR diesen Blick. Das Modell unterscheidet vier Dimensionen:
- Wissen (Knowledge): Was wir wissen und verstehen
- Fähigkeiten (Skills): Wie wir unser Wissen anwenden (die „4K“ wie oben erwähnt)
- Charakter (Character): Wie wir uns verhalten und in der Welt handeln (Neugier, Mut, Resilienz und Ethik)
- Meta-Lernen (Meta-Learning): Wie wir über unser Lernen, Denken und unsere Emotionen reflektieren (durch Metakognition und Metaemotion)
Wissen wird dabei nicht ersetzt, sondern um weitere Dimensionen ergänzt und mit ihnen verknüpft. Das aktuelle 4D-Kompetenzrahmenwerk konkretisiert diese in insgesamt zehn Kompetenzen und 50 Teilkompetenzen und macht sie damit für die Gestaltung von Lernprozessen greifbarer.
Nicht nur was, sondern auch warum wir lernen
Die vier Dimensionen beantworten für das CCR vor allem die Frage: „Was sollten Schüler:innen im Zeitalter von KI lernen?“ Im Gesamt-Framework (kompakte Darstellung dazu siehe oben im Titelbild) kommt eine zweite grundlegende Frage hinzu: „Warum sollten Schüler:innen im Zeitalter von KI lernen?“
Mit Blick auf die zunehmenden Fähigkeiten von KI lenkt das CCR den Fokus darauf, was Schüler:innen zum Lernen und eigenständigen Handeln befähigt und motiviert. Dabei rücken die vier querdimensionale Treiber (Cross-Dimensional Drivers) in den Mittelpunkt: Motivation, Bedeutsamkeit, Agency (den eigenen Lernprozess aktiv mitgestalten und dafür Verantwortung übernehmen) und Zugehörigkeit. Sie sollen Lernende dabei unterstützen, Verantwortung für ihr Lernen zu übernehmen und auch unter sich verändernden Bedingungen kontinuierlich weiterzulernen.
Und wie sollten Schüler:innen im Zeitalter von KI lernen?
An das Was und Warum schließt sich für die schulische Praxis eine dritte Frage an: Wie sollten Schüler:innen im Zeitalter von KI lernen?
Wie können Lernumgebungen aussehen, in denen Wissen angewendet, kreativ und gemeinsam an Problemen gearbeitet und das eigene Lernen aktiv mitgestaltet wird? In denen Lernende Verantwortung übernehmen, sich zugehörig fühlen und sich mit für sie bedeutsamen Fragen und Herausforderungen auseinandersetzen? Pädagogische Ansätze, die dafür Anknüpfungspunkte bieten, gibt es bereits.
Beim Making entwickeln Schüler:innen eigene Ideen, experimentieren mit Materialien und neuen Technologien und setzen ihre Ideen in konkrete Lösungen um. Dabei verbindet sich technisches mit kreativem Lernen; gefördert werden insbesondere Kreativität, Zusammenarbeit und Problemlösekompetenz. Gleichzeitig gestalten die Lernenden ihren Lernprozess aktiv mit und übernehmen Verantwortung für die Umsetzung ihrer Ideen – Agency wird damit unmittelbar erfahrbar.
Häufig ergeben sich beim Making Fragestellungen dazu, wie technische und kreative Lösungen nachhaltig und verantwortungsvoll gestaltet werden können. Viele Projekte orientieren sich dabei an den Zielen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) – wie das Praxisbeispiel „Upcycling statt Textilverschwendung“ des Gymnasiums Süderelbe zeigt. Dort ist Making sogar als eigenes Schulfach etabliert worden. Auf diese Weise werden auch Aspekte der Dimension Charakter – insbesondere Neugier und Ethik – angesprochen.
Wenn du nach weiterer Inspiration und Vernetzung im Bereich Maker Education suchst, kannst du dich außerdem für unsere Veranstaltung #dms – Making it matter anmelden, die für den 18. September geplant ist.
Auch das pädagogische Konzept der Entrepreneurship Education verbindet kreatives, gesellschaftliches und nachhaltigkeitsorientiertes Lernen. Schüler:innen erkennen Herausforderungen in ihrem Lebensumfeld, entwickeln dafür eigene Ideen und übernehmen Verantwortung für deren Umsetzung. Bei sozialunternehmerischen Projekten können daraus beispielsweise erste Prototypen für nachhaltige Produkte oder Dienstleistungen entstehen. Gefördert werden dabei unter anderem Kreativität, Zusammenarbeit und Problemlösekompetenz.
Gleichzeitig gestalten die Lernenden den Prozess selbst aktiv mit und übernehmen Verantwortung für ihre Ideen – auch hier wird Agency unmittelbar erfahrbar. Die Auseinandersetzung mit realen Herausforderungen aus dem eigenen Lebensumfeld kann zudem Bedeutsamkeit schaffen und wirft Fragen nach gesellschaftlicher Verantwortung und ethischem Handeln auf.
Konkrete Umsetzungsmöglichkeiten bietet SEEd (Social Entrepreneurship Education) mit kostenlosen Angeboten für dich und deine Schüler:innen, wir haben die Bildungsinitiative bereits hier im infoPortal vorgestellt.
Making und Entrepreneurship Education sind konkrete pädagogische Ansätze. Doch auch die Lernumgebung an sich lässt sich so gestalten, dass die verschiedenen Dimensionen des Lernens und die querdimensionalen Treiber Raum erhalten.
Genau hier setzt Nele Hirsch mit ihrem Buch „Lerngestaltung weiterdenken – Impulse für gutes Lernen im digitalen Wandel“ an. Ihre drei Prinzipien Lernfreude, Offenheit und Zusammenarbeit weisen zahlreiche Berührungspunkte zum 4D-Modell auf: Lernfreude knüpft an Motivation und Bedeutsamkeit an und verbindet eine positive Fehlerkultur mit Resilienz und Meta-Lernen. Offen gestaltete Lernprozesse ermöglichen Agency und schaffen Raum für Neugier, Kreativität und kritisches Denken. Zusammenarbeit wiederum greift den Skill Kollaboration auf und kann zugleich Zugehörigkeit fördern.
Mit praktischen Ansätzen – von der Entwicklung eigener Fragen bis hin zu Feedback und Selbststeuerung – zeigt Hirsch, wie sich Lernumgebungen gestalten lassen, in denen viele der im 4D-Modell beschriebenen Kompetenzen und querdimensionalen Treiber Raum zur Entfaltung finden. Eine ausführliche Vorstellung des Buches findest du in unserem Beitrag „Vom Unterricht zur Lernkultur: 21st Century Learning Design“.
Vom Framework zur Lernkultur
Das 4D-Modell bedeutet nicht, dass Schulen neben Wissen und den 4K nun eine weitere Liste von Kompetenzen „abarbeiten“ müssen. Sein Wert liegt vielmehr darin, den Blick auf Lernen zu erweitern.
Making, Entrepreneurship Education oder eine an Lernfreude, Offenheit und Zusammenarbeit orientierte Lerngestaltung zeigen beispielhaft, dass sich viele dieser Bereiche nicht getrennt voneinander fördern lassen – und auch nicht getrennt voneinander gefördert werden sollten.
Wenn Lernende gemeinsam an einer für sie bedeutsamen Herausforderung arbeiten, verbinden sie Wissen und Skills, übernehmen Verantwortung und reflektieren ihr Vorgehen. Bringen sie dabei eigene Ideen ein und gestalten den Lernprozess aktiv mit, werden auch Agency, Motivation und Zugehörigkeit Teil des Lernens.
Vielleicht liegt genau darin eine wesentliche Aufgabe von Bildung im Zeitalter von KI: Lernumgebungen zu schaffen, in denen Schüler nicht einfach mehr Wissen erwerben, sondern – im Sinne einer „Knowledge Literacy“ – lernen, ihr Wissen kompetent, reflektiert und verantwortungsvoll zu nutzen und ihren Umgang damit immer wieder weiterzuentwickeln.
Du möchtest tiefer einsteigen? Im Buch „Bildung für das Zeitalter von KI“ stellen die Autoren des 4D-Frameworks das Modell und seine Hintergründe ausführlich vor. Es ist in deutscher Übersetzung als E-Book sowie gedruckt erhältlich:

