Bild: Peggy und Marco Lachmann-Anke auf Pixabay

„Der Schlüssel hierzu liegt darin, die neuen technischen und digitalen Möglichkeiten systematisch für eine veränderte, grundlegend andere Steuerungslogik von Schulsystemen zu nutzen.“
Sliwka, Anne und Klopsch, Britta: Das lernende Schulsystem, Weinheim: BELTZ, 2024, S.19
Kurz und knapp: Worum geht´s im Buch?
„Das lernende Schulsystem“ zeigt, warum Schule und Bildung heute nicht mehr mit alten Steuerungslogiken weiterentwickelt werden können und stattdessen einen grundlegenden Paradigmenwechsel brauchen. Anne Sliwka und Britta Klopsch entwerfen in ihrem Buch ein Bildungssystem, das auf gemeinsamen Metazielen, kooperativer Professionalität und dateninformierten Entscheidungen basiert. Auf 228 Seiten beleuchten die beiden Autorinnen diesen Paradigmenwechsel anschaulich aus verschiedenen Perspektiven. Ich habe dieses Buch in kürzester Zeit regelrecht verschlungen. Neben wissenschaftlich fundierten Thesen und Schlussfolgerungen, die uns Leser:innen unter anderen mit in führende Bildungsnationen wie Kanada nehmen, begleiten uns drei nur scheinbar fiktive Charaktere durchs Buch. Die Lehrerin Frau Müller, Herr Akcay, der Schulleiter und Frau Dr. Meisel-Hofäcker, die Schulaufsichtsbeamtin erzählen immer wieder aus „ihrer“ Berufspraxis und ermöglichen dadurch konkrete Praxisbezüge, die inspirieren und zum Ausprobieren anregen. Die drei lebensnahen Charaktere machen zudem deutlich, dass wir alle – also alle professionellen Akteur:innen im Schulsystem – gefragt sind, um die Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen.
„Das Ziel ist ein Schulsystem, das von einer Kultur der Zusammenarbeit, des Vertrauens und der kontinuierlichen Verbesserung geprägt ist.“
Sliwka, Anne und Klopsch, Britta: Das lernende Schulsystem, Weinheim: BELTZ, 2024, S.9
Was hat das mit digitaler Schulentwicklung zu tun? – Erkenntnisse aus der Sicht einer didaktischen Leitung
Digitale Schulentwicklung ist komplex. Der Blick auf Geräte, Plattformen und Tools reicht nicht aus, wenn Strukturen, Zusammenarbeit und Steuerungslogiken starr und analog bleiben. Denn eigentlich geht es dabei nicht primär um ein Technik-, sondern vorallem um ein System- und Kulturthema. Sliwka und Klopsch beschreiben den nötigen Wandel vom „verwalteten“ zum „lernenden“ Schulsystem ausdrücklich auch als Antwort auf eine Welt, die zunehmend von KI, Vernetzung und Digitalität geprägt ist.
💡Mein 1. Hot Take:
Eine gelungene digitale Schulentwicklung benötigt konkrete kurz- und mittelfristige Ziele, die sich auf übergeordneter Ebene wiederfinden
Gerade bei der digitalen Schul- und Unterrichtsentwicklung wirken sich unüberlegte Schnellschüsse oft besonders negativ aus. Neben der Berücksichtigung von Risikofaktoren rund um Datenschutz, Barrierefreiheit und grundlegender Nutzungskompetenzen, stellt sich zusehends vor allem auch bei Kolleg:innen eine gewisse Medienmüdigkeit ein. Es bedarf möglichst systemübergreifender, gemeinsam vereinbarter und strategischer Ziele, die uns übergeordnet leiten. Sich am Bildungssieger Kanada orientierend werden im Buch drei Metaziele ausgeführt:
- Leistungs-und Kompetenzentwicklung
- Chancengerechtigkeit
- Wohlbefinden und Persönlichkeitsentwicklung
Ausgehend davon sollten alle Akteur:innen im Schulsystem sich überlegen, was strategisch sinnvoll ist, um auf diese Ziele einzuzahlen. Für mich als didaktische Leitung im Bereich Digitalisierung könnte das zum Beispiel so aussehen:
| Metaziel | Beispiele für Handlungsziele auf Schulebene im digitalen Bereich |
|---|---|
| Leistungs-und Kompetenzentwicklung | Kurzfristig: Verbindliche Einführung der BiBox im Mathematik- und Deutschunterricht von Jahrgang 1-4 Mittelfristig: Implementierung von LMS und fachspezifischer Software in den SiC der Hauptfächer, um individuelle Lernprozesse entsprechend des jeweiligen Fähigkeitsniveaus gezielt zu unterstützen |
| Chancengerechtigkeit | Kurzfristig: Eine mobile Podcastausrüstung und entsprechende Unterrichtsimpulse werden so aufbereitet, dass sie flexibel von Lehrkräften über das Buchungssystem für Kurs- und Unterrichtsstunden genutzt werden kann Mittelfristig: Einrichtung eines Makerhub zur Förderung der 4K, um allen Schüler:innen digitale Teilhabe zu ermöglichen |
| Wohlbefinden und Persönlichkeitsentwicklung | Kurzfristig: Über Risiken und Empfehlungen für die digitale Mediennutzung von Grundschulkindern wird auf allen Elternabenden durch die Klassenleitung aufgeklärt, dazu wird schulinternes Material entwickelt Mittelfristig: Verbindliche Einführung des Internet-ABC für Jahrgang 3/4, um Kinder selbst in einem gesundheitsbewussten und reflektierten Umgang mit digitalen Medien zu stärken (Prävention) |
💡Mein 2. Hot Take:
Bauchgefühl ist gut, Dateninformiertheit ist besser
Bevor wir diese Ziele möglichst in einem partizipativen Prozess vereinbaren, ist ein konkreter Blick auf den Ist-Stand notwendig. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die kollegiale Beteiligungsbereitschaft an schulinternen Evaluationen sehr gemischt ausfallen kann, wenn zuvor nicht klar ist, wozu evaluiert wird und wie danach mit den Ergebnissen verfahren wird.
Beispiel: Mediencurriculum
Für die Arbeit am schulinternen Mediencurriculum bedeutet das, in regelmäßigen Abständen immer wieder ganz genau zu erheben…
- welche Software bereits genutzt wird.
- was damit erreicht werden soll.
- von wem die Software benutzt wird.
- welchen Einfluss diese Nutzung auf unsere drei Metaziele (Leistungs-und Kompetenzentwicklung, Chancengerechtigkeit, Wohlbefinden und Persönlichkeitsentwicklung) hat.
Erst wenn ich die Antwort auf diese Fragen weiß, kann ich eine nachhaltige, bedarfsgerechte Softwarestrategie für unsere Schule entwickeln, die gezielt den Aufbau von Schlüsselkompetenzen stützt.
Beispiel: Fortbildungsplanung
Auch bei der Planung schulinterner Fortbildungen im Bereich Digitales ist es zielführender, dateninformiert vorzugehen. Das bedeutet möglichst genau zu erheben, wie der aktuelle Stand der digitalen Kompetenzen der Lehrkräfte an der Schule tatsächlich ist. Eine Orientierung kann dabei der„DigCompEdu-BW“ bieten. Er basiert auf dem „DigCompEdu“ – dem „Framework for the Digital Competence of Educators“ (Redecker & Punie, 2017) der Europäischen Kommission. Dieses Rahmenwerk beschreibt auf übersichtliche und verständliche Weise die zentralen digitalen Kompetenzen, die Lehrkräfte benötigen. Dadurch kann es als wertvolles Instrument zur Steuerung und Weiterentwicklung digitaler Kompetenzen im Bildungsbereich genutzt werden.
💡Mein 3. Hot Take:
Wir brauchen breite Bereitschaft zur Zusammenarbeit, Innovation und stetige Weiterentwicklung
In einer Welt, die sich immer schneller zu verändern scheint und ständig an Komplexität zunimmt, benötigen wir kooperative Professionalität. Als einzelne Lehrkraft ist unsere Wirksamkeit begrenzt. Auf Dauer kann das zu Frustration und dem Gefühl des Abgehängtseins führen. Daher ist es ratsam, professionelle Lerngemeinschaften mit Kolleg:innen zu bilden. Das bedeutet: Das Kollegium wird bei Entscheidungen zu Hard- und Software sowie zur Fortbildungsplanung aktiv einbezogen. Die digitale Strategie der Schule wird gemeinsam unter dem Leitmotiv „Wir lernen nie aus!“ entwickelt, wobei eine konstruktive Fehlerkultur gefördert wird. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Aufbau eines multiprofessionellen Medienteams durch die Schulleitung. Dieses Team sollte aus mehreren Lehrkräften bestehen, echte Arbeitsteilung ermöglichen und über feste Ressourcen verfügen. Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit kann zudem durch schulübergreifende Netzwerke gestärkt und weiterentwickelt werden. Ein erster Schritt dazu kann sein, einfach mal die Medienbeauftragten oder didaktische Leitung der Nachbarschulen anzusprechen und sich zu überlegen, an welcher Stelle Entwicklungsprozesse gemeinsam gesteuert werden könnten.
Quellen und weiterführende Links
- Sliwka, Anne und Klopsch, Britta: Das lernende Schulsystem, Weinheim: BELTZ, 2024.
- Podcastfolge: „Vom verwalteten zum lernenden Schulsystem“
- Mehr von Anne Sliwka auf dem infoPortal? Weitere Anregungen findest du zum Beispiel in unseren Beiträgen zu Deeper Learning und Digital Sparks
- In unserem umfangreichen Dossier „Voll digitalisierte Schule“ erfährst du mehr zum Thema Zusammenarbeit in Netzwerken und das Projekt „Voll digitalisierte Schule“. Zudem teilen die Projektschulen Materialien und Impulse mit dir.

