Vom Unterricht zur Lernkultur: 21st Century Learning Design

Bild: Drei Grundprinzipien für gutes Lernen nach Hirsch (KI-generiert mit ChatGPT)

Ein Blick in ein Klassenzimmer genügt – zumindest in der Vorstellung vieler Menschen: Eine Lehrkraft steht vorne, erklärt den Stoff, alle anderen hören zu – möglichst aufmerksam, möglichst still (vgl. Bild rechts). Lernen im Unterricht folgt einer klaren Struktur: zur gleichen Zeit, am gleichen Ort, mit dem gleichen Ziel für alle. Selbst wenn man sich „modernen Unterricht“ per KI visualisieren lässt, bleibt dieses Grundmuster erstaunlich stabil: Die Schiefertafel wird durch ein interaktives Whiteboard ersetzt, die Hefte durch iPads. KI greift dabei auf bestehende Bildmuster zurück – und reproduziert damit die Vorstellungen von Unterricht, die gesellschaftlich tief verankert sind. Sichtbar wird: Verändert hat sich oft die Oberfläche, nicht aber die zugrunde liegende Idee von Lernen. Modernisieren wir also nur die Werkzeuge – und halten gleichzeitig an einem Lernverständnis fest, das längst überholt ist?

Diese Frage führt direkt zu einem zentralen Spannungsfeld: Lernen in der Schule orientiert sich nach wie vor stark am Konzept des Unterrichts – und damit an einer Form des Lernens, die ihr Potenzial für lernförderliche Prozesse oft nicht ausschöpft und den Anforderungen einer zunehmend digitalen und komplexen Welt nur noch bedingt gerecht wird. Besonders wirksam ist Lernen häufig dann, wenn es intrinsisch motiviert, individuell, offen und sozial ist. Unterricht hingegen zeigt sich in der Praxis oft stärker extrinsisch gesteuert, standardisiert und auf vorgegebene Ergebnisse ausgerichtet.

Dieses Spannungsfeld entsteht nicht zufällig: Die Anforderungen an das Lernen haben sich längst verändert. Gefragt sind heute nicht mehr in erster Linie Reproduktion von Fachinhalten und Anpassungsbereitschaft, sondern zunehmend Kreativität, Problemlösefähigkeit, Kollaboration, kritisches Denken und Eigeninitiative – zentrale Aspekte dessen, was als 21st Century Skills gilt. Genau hier zeigt sich die eigentliche Herausforderung: Ein Unterrichtsverständnis, das weiterhin stark auf Gleichschritt und vorgegebene Ergebnisse ausgerichtet ist, stößt zunehmend an seine Grenzen.

Auch der ehemalige Schulleiter der Alemannenschule in Wutöschingen und Bildungsinnovator Stefan Ruppaner bringt diese Entwicklung pointiert auf den Punkt:

Denn in Zukunft brauchen wir eine Generation, die von klein auf gelernt hat, dass (…) sie durch ihr Handeln was verändern kann – und nicht auf Anweisungen wartet. (…) Wir brauchen also Leute, die auf kreative Art Probleme lösen, innovativ an Aufgaben herangehen, aber auch kooperativ im Team arbeiten. Dazu gehört viel Eigenmotivation, andererseits aber auch viel Ambiguitätstoleranz.“ (Ruppaner, S. und Willer, A. (2025) „Das könnte Schule machen. Wie ein engagierter Pädagoge das Bildungssystem revolutioniert“. Hamburg: Rowohlt Polaris, S. 207)

Und er geht noch einen Schritt weiter:

„… ihr stützt ein System, das nicht mehr in die Zeit passt. Nicht Unterrichtsentwicklung sollte unser Ziel sein. Sondern Unterrichtsabschaffung.“ (ebd., S. 208)

Diese Zuspitzung ist bewusst provokant formuliert und als Denkimpuls zu verstehen – nicht als wörtlich gemeinte Forderung, Unterricht vollständig abzuschaffen, sondern als Einladung, zementierte Strukturen zu hinterfragen.

Was folgt daraus für die Gestaltung von Lernen – insbesondere im Schulalltag?

Genau hier setzt Nele Hirsch mit ihrem Buch „Lerngestaltung weiterdenken“ an. Sie stellt die grundlegende Frage, wie Lernen gestaltet sein muss, damit es den Anforderungen des 21. Jahrhunderts entspricht, hinterfragt dabei Unterricht als vorherrschendes Konzept von Lerngestaltung und formuliert drei übergreifende Prinzipien guten LernensLernfreude, Offenheit und Zusammenarbeit.

In diesem Beitrag erhältst du einen Überblick, was dich in dem Buch erwartet und worin der Mehrwert besteht, es selbst zu lesen. Die Impulse lassen sich auf unterschiedliche Lernkontexte übertragen – insbesondere auf das Lernen mit Kindern und Jugendlichen in der Schule, aber auch auf außerschulische Angebote sowie die Erwachsenenbildung/Lehrkräftefortbildung. Also werfen wir einen …

Blick in „Lerngestaltung weiterdenken“ von Nele Hirsch – Impulse für gutes Lernen im digitalen Wandel

Mit „Lerngestaltung weiterdenken“ legt Nele Hirsch ein Buch vor, das eine fundierte und zugleich praxisnahe Orientierung für die Gestaltung von Lernen im 21. Jahrhundert bietet. Es bündelt zentrale aktuelle pädagogische Diskurse und verbindet sie mit konkreten Impulsen für die Praxis.

Im Kern stellt Hirsch eine entscheidende Frage: Warum orientiert sich Lernen noch immer so stark am Konzept des Unterrichts, obwohl dieses – so ihre zugespitzte These – weder besonders lernförderlich ist noch den Anforderungen einer digitalen und komplexen Welt gerecht wird?
Ihre Antwort ist klar: Lerngestaltung muss neu gedacht werden – sie fordert, das Lernen lernseitig und nicht lehrseitig zu konzipieren.

Drei Prinzipien für gutes Lernen im digitalen Wandel

Nele Hirsch beschreibt drei zentrale Leitlinien für eine zeitgemäße Lernkultur: Lernfreude, Offenheit und Zusammenarbeit (= Kollaboration entsprechend des 4K-Modells). Diese lassen sich auf unterschiedlichste Lernkontexte übertragen – von der Schule hin zu außerschulischen Bildungsangeboten bis hin zur Erwachsenenbildung:

Lernfreude

Lernfreude entsteht dort, wo eine positive Fehlerkultur gelebt wird: Fehler gelten nicht als Defizit, sondern als Lernchancen. Lernende erleben sich als selbstwirksam, entwickeln eigene Zugänge und erfahren Lernen als sinnvoll – nicht als Pflicht. Unterricht kann dagegen – insbesondere dann, wenn er stark standardisiert ist – zu Desinteresse führen: Er ist oft zu wenig individualisiert, der Umgang mit Fehlern wirkt entmutigend und der Fokus auf Noten erzeugt Leistungsdruck.

Offenheit

Offenheit bedeutet für Hirsch, Lernen konsequent von den Lernenden her zu denken. Jede Person gestaltet ihren eigenen Lernweg und knüpft an vorhandene Erfahrungen an. Lernen wird dadurch weniger vorgegeben und stärker als individueller Prozess verstanden.

Zusammenarbeit

Echte Zusammenarbeit geht über bloße Arbeitsteilung hinaus: Durch gemeinsames Denken und Handeln entsteht etwas, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Digitale Werkzeuge erleichtern diese Form der Kollaboration zusätzlich und ermöglichen Austausch und gemeinsames Arbeiten so niedrigschwellig wie nie zuvor.

Der digitale Wandel wirkt dabei als Katalysator: Er zeigt, wie schnell Unterricht an Grenzen stößt, wenn Lernen an feste Zeiten, Räume und vorgegebene Ergebnisse gebunden bleibt. Gleichzeitig eröffnet er neue Möglichkeiten für offenes, vernetztes und selbstgesteuertes Lernen. Im Zentrum steht dabei weniger die Technik als die Frage, wie Lernen grundsätzlich verstanden und gestaltet wird.

Ein Baukasten für die Praxis

Ein zentraler Mehrwert des Buches liegt in seiner Praxisorientierung. Hirsch versteht ihre Impulse ausdrücklich nicht als starre Anleitung, sondern als „Baukasten zur Inspiration“. Sie beschreibt in jedem Unterkapitel konkrete Herausforderungen der Lerngestaltung. Jeder Abschnitt verbindet theoretische Einordnung mit praktischen Ideen. Ein passender KI-Tipp sowie die zusammengefassten Kernpunkte und Ideen zur Vertiefung laden zum Weiterdenken des jeweiligen Aspekts ein:

  • Bedürfnisse achten (KI-Tipp: Persona-Generierung)
  • Begeisterung wecken (als Grundlage für die intrinsische Motivation)
  • Impulse geben (Methoden, die zum Weiterdenken anregen) und die Entwicklung von Fragen begleiten (QFT und KI-Tipp: Sokratischer Dialog)
  • Wissens-Schätze heben (Barcamps als Prinzip nutzen)
  • Kreativität als erlernbare Kompetenz i.S. eines Handlungswerkzeugs fördern (Design-Thinking als Muster nutzen und KI-Tipp: SCAMPER-Methode)
  • Feedback geben und Selbststeuerung unterstützen (Haltung des Growth Mindset)
  • Kritisches Denken fördern (Agency ermöglichen)
  • Lernen sichtbar machen und teilen

Warum sich die Lektüre für dich lohnt

Für dich bietet das Buch vor allem eines: einen Perspektivwechsel: Es fordert dazu heraus, Unterricht nicht einfach „besser zu machen“, sondern grundsätzlich zu hinterfragen. Wenn du dich mit Themen wie individualisiertem Lernen, Umsetzung der 4K, Growth Mindset, projektorientiertem Arbeiten, digitalen Lernformaten oder ganz einfach mit „gutem Lernen“ beschäftigst, findest du hier:

  • eine fundierte theoretische Rahmung
  • anschlussfähige Begriffe und Konzepte
  • zahlreiche konkrete Impulse für die eigene Praxis

Gerade die Übertragbarkeit auf unterschiedliche Kontexte macht das Buch besonders wertvoll.

Impulse für die Lehrerfortbildung

Vor allem für die Gestaltung von Fortbildungen liefert Nele Hirsch wichtige Anregungen: Wenn Lernen selbst offen, kollaborativ und intrinsisch motiviert gedacht wird, sollte das ebenso für die Professionalisierung von Lehrkräften gelten. Formate wie Barcamps, kollegiale Zusammenarbeit oder selbstgesteuerte Lernprozesse werden damit nicht nur methodische Optionen, sondern Ausdruck eines veränderten Lernverständnisses. Mehr Impulse von Hirsch dazu, wie Lehrerfortbildung im 21. Jahrhundert gelingen kann, findest du auf ihrer Plattform eBildungslabor – darüber haben wir bereits hier im infoPortal berichtet.

Fazit

„Lerngestaltung weiterdenken“ ist mehr als ein Methodenbuch. Es ist eine Einladung, Lernen neu zu denken – konsequent aus der Perspektive der Lernenden und im Kontext einer sich wandelnden Welt. Ein Buch, das sich besonders für diejenigen lohnt, die sich mit zeitgemäßer Bildung und „Learning Design“ beschäftigen. Vielleicht ist genau jetzt der richtige Moment, den eigenen Blick auf Lernen einmal bewusst zu hinterfragen.

Bonus: Drei Ideen, was du mit dem Buch (außer Lesen) machen kannst

Nele Hirsch versteht ihr Buch nicht nur als Lektüre, sondern als Ausgangspunkt für weiteres Lernen und gemeinsames Weiterdenken. Entsprechend lädt sie dazu ein, aktiv mit den Inhalten zu arbeiten.

Idee 1: Das Buch weitergeben

Teile das Buch mit Kolleg:innen, im Team oder in deinem Netzwerk. Gerade im Austausch entfalten die Ideen ihre Wirkung – als gemeinsamer Denk- und Diskussionsanstoß. Vertiefende Einblicke in das Buch, unter anderem durch eine Leseprobe, bietet Hirsch hier:

Idee 2: Das Buch weiternutzen

Das Buch ist als Open Educational Resource (OER) veröffentlicht und darf frei weiterverwendet, angepasst und in eigene Lernangebote integriert werden – bei entsprechender Quellenangabe und gleicher Lizenz. Diese Offenheit ermöglicht aktives Weiterarbeiten und macht das Buch selbst zum Teil neuer Lernprozesse; ergänzend stehen u. a. ein Nordsternfragen-Spiel mit Online-Materialien bereit, mit dem ihr im Kollegium Ideen für eine veränderte Lerngestaltung an eurer Schule entwickeln könnt. Dieses Fortbildungsangebot kannst du sogar nutzen, ohne das Buch gelesen zu haben:

Idee 3: Mit dem Buch gemeinsam lernen

Nutze das Buch als Grundlage für kollegiales Lernen – etwa in Fortbildungen, Arbeitsgruppen oder an pädagogischen Tagen. Mit einer begleitenden „Learning Circles“-Anleitung können sich kleine Gruppen die Inhalte strukturiert gemeinsam erarbeiten, reflektieren und die Impulse direkt auf die eigene Schulpraxis übertragen:

Bild: KI-generiert „Unterricht mit Lehrer und Schülern in einem Klassenzimmer“ aus „Warum sollten wir Lerngestaltung weiterdenken?“ Nele Hirsch Bildlizenz CCO

Hier geht es direkt zum Buch, es ist sowohl analog als auch digital erhältlich: